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Notitia

Mithras. Stirb und Werde

Kadmons ursprünglicher Essay von 1994, entstanden nach einem Besuch der Mithrasgrotte in Saarbrücken, über mithraische Heiligtümer, Initiation, Blutsymbolik und das Fortleben der heidnischen Vergangenheit.
General view of the Mithraeum at Saarbrücken (ancient Saravum).

General view of the Mithraeum at Saarbrücken (ancient Saravum).
Gerhard Hallstatt

 
29 Sep 2026
Originally in Aorta, 1994.

I

LAUB IN DEN Farben einst kostbarer Gewürze bedeckte den Boden. Die einzelnen Blätter wirkten wie vergilbte Aufzeichnungen, zerrissene Botschaften einer untergegangenen Glaubenswelt. Laub und Glaube - auch in anderen Sprachen standen sich diese Worte nahe, so leaves and believe und auch foie et feuillage.. Ein wehmütiger Gang durch die warmen Farben des Herbstes, der Gold und Tod, Ernte und Ende beherbergte. Der Herbst war mir Heimat und Heidnat, im Reich der Brüder Scheiding, Gilbhart, Nebelung traten Todgeweihtheit und Vergang deutlich in Erscheinung. War der Totentanz der Blätter auch ein Totentanz des Glaubens? Kannten Glaubenswelten Jahreszeiten, waren sie wirklich ebenso vergänglich wie das Laub, das unter meinen Schritten raschelte und noch mehr zerriß?

ÜBER MIR AUF dem Halberg bei Saarbrücken befand sich der Saarländische Rundfunk. Dort las ich auf einem schwarzen Schild in goldenen Lettern ein verheißungsvolles Wort: Mithrasgrotte. Ich traute meinen Augen nicht, denn eigentlich hatte ich einen Hinweis auf eine christliche Kapelle mit einer vorchristlichen Vergangenheit erwartet. Was wohl war noch erhalten vom Charisma des alten Heiligtums, das einst zur römischen Siedlung Saravus gehört hatte?

DIE MITHRAS-MYSTERIEN, DIE persische, griechische und römische Elemente vereinten, waren im gesamten Imperium Romanum verbreitet, von der iberischen Halbinsel bis zum Schwarzen Meer, von Germanien bis Nordafrika. Auch in Großbritannien fand man einige Tempel. Mehr noch als die hervorragenden Kultwerke im Scheinwerferlicht der Museen, die die vielen Jahrhunderte glücklicherweise gut überstanden hatten, reizten mich aber die tatsächlichen Kultstätten, die ursprünglichen Heiligtümer. Unverständlich erschien mir, daß nur wenige, die über Mithras schrieben, die Mühe auf sich nahmen, diese Orte auch aufzusuchen. Nur selten las ich Schilderungen über heute noch existierende Kulthöhlen. Vielen erschien die Mithras-Kultur offenbar als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte. Ich aber liebte genau diese Spurensuche und Spurensicherung und hatte auch die Erfahrung gemacht, daß keine Glaubenswelt tatsächlich zugrunde ging. Im Untergrund des Abendlandes wirkten wie ein unterirdisches Myzel alle Kosmologien, alle spirituellen Philosophien des Altertums weiter, als wüßten sie nichts von ihrem scheinbaren Untergang - manchmal viele Schichten unter der Oberfläche, dann wieder ganz nahe an der sichtbaren Wirklichkeit. Manchmal war die Spurensuche einfach, oft war sie schwierig – denn anstatt Antworten zu geben, warf sie immer wieder neue Fragen auf, stellte vor neue Rätsel: Jede Wahrheit war eine Göttin der Unterwelt.

II

“Hier redet das Leben selbst, und der Urgrund des roten Blutes zaubert seine bunten Bilder hervor.” (Ernst Jünger: Feuer und Blut 29)

ZINNOBERROT GLÜHTEN IN der Nachmittagssonne im herbstlichen Wald plötzlich Wände aus Sandstein auf. Im Fels erkannte ich mehrere Nischen, sie waren leer und erschienen mir mittelalterlich. Vielleicht hatten sie einst Statuen christlicher Heiliger enthalten – ob denn mittlerweile auch diese Glaubenswelt ebenfalls der Vergangenheit, den Vergangenheiten angehörte? Ich ging weiter, der Fels öffnete sich, und ich stand vor der Mithrasgrotte. Rot wie Feuer, rot wie Herzblut leuchtete das Gestein, die Blutleuchte der heidnischen Antike schien hier zauberhaft zinnoberisch zu glühen. Das lateinische Wort cruor kam mir in den Sinn. Die Einheimischen hatten diese Stätte lange Zeit als Heidenkapelle bezeichnet. Ich war fasziniert von dieser blutroten Krypta, trat langsam näher. Noch viel stärker mußte der Eindruck einst auf die Mithras-Anhänger gewesen sein. Diese Grotte symbolisierte die petra genetrix, das Muttergestein. In sie stiegen einst die Gläubigen, in ihr träumten sie nicht nur von der magischen Steingeburt, sondern erlebten sie auch in den Mysterien. In der Mithras-Kultur gab es sieben Weihegrade, und wer diesen Traum und diesen Raum betrat, verließ ihn eine Stufe höher, eine Stufe weiser.

VOR DER GROTTE standen zwei Reihen von Säulen neueren Datums. Die ursprünglichen, kunstvoll verzierten Säulen mit Darstellungen menschlicher Figuren und verschiedenen Sinnbildern waren zerstört worden. Neu war auch das Kultbild, ein Relief, das Mithras und sein Stieropfer zeigte – das Original war der Schadenfreude, dem Schadenzauber des frühen Christentums zum Opfer gefallen, als der Mithrastempel gegen Ende des vierten Jahrhunderts zerstört worden war. Links und rechts führten zwei kurze Gänge in das Gestein, die vielleicht als geheime Kammern oder Aufbewahrungsorte gedient hatten. Bei Grabungen waren Archäologen vor dem Höhleneingang auf ein großes Becken gestoßen, vielleicht wie im Kult der Kybele eine fossa sanguinis, eine Blutgrube, in der die Gläubigen mit dem Blut des geopferten Stieres übergossen wurden. In einem Mithräum hatte man einst diese Inschrift entdeckt: Et nos servasti eternali sanguino fuso. Auch uns hast Du gerettet, indem Du das ewige Blut vergossen hast. Manche Berichte schilderten allerdings auch mit Wasser gefüllte Becken in Mithrastempeln, die für eine Wasserweihe dienten, eine Vorläuferin der Taufe. Archäologen hatten auch Bruchstücke von Schüsseln und Tellern und auch kleine Öllämpchen gefunden.

E INIGE TEILE DES Stieropferbildes waren bemalt: Der Stier war weiß, Mithras mit seinem wehenden Mantel und die beiden Begleiter, die Fackelträger Cautes und Cautopates, trugen grüne oder blaue Kleidung, darüber einen roten Umhang. Grün war die Schlange, die von der Halswunde des Stiers trank, braun war der Hund, der dem Tier an die Kehle sprang, gelb war der Skorpion, der dem Stier in das Geschlechtsteil biß. In der Rekonstruktion des Mithrastempels von Carrawburgh an der Hadrian Wall in Großbritannien wurden die gleichen Farben verwendet. Auf vielen Reliefs und Statuen der Mithras-Kultur hatte man Farbspuren entdeckt – es war erstaunlich, wie einheitlich die Kunstwerke in den vielen Mithrastempeln gestaltet waren. Die Gesetze der Ikonographie in den Werkstätten mußten sehr streng gewesen sein, denn im gesamten Römischen Reich glichen sich nicht nur die Formen der Kultwerke, auch die Farben stimmten fast überall überein.

FARBEN SPIELTEN IN den Mithras-Mysterien eine große Rolle. Die Tempel bildeten ein farbenprächtiges, fast psychoaktives Kraftfeld für das Psychodrama der Einweihung. In einem Mithräum in Lentia, dem heutigen Linz in Oberösterreich, war der Boden leuchtend rot. Zahlreiche Tempeln hatten Fresken an den Wänden, die ähnlich beeindruckend gewesen sein mußten wie die heute noch sichtbaren Wandmalereien der Villa dei Misteri in Pompeji. Im Mithräum unter der Kirche Santa Prisca in Rom war die Nische für den Fackelträger Cautes orange, die Nische für Cautopates aber blauschwarz. Eines der Mithräen in Carnuntum, heute Bad Deutsch-Altenburg in Niederösterreich, war dunkelblau ausgemalt – denn jeder Tempel, jede Grotte sinnbildete auch zugleich das All, das Firmament. An der Decke des Heiligtums von Santa Maria Capua Vetere bei Neapel fand man kleine aufgemalte Sterne. In die Farben dieser Sterne hatte man auch kleine Glassplitter gemischt, die im Licht der Öllampen und Fackeln sicher geheimnisvoll funkelten.

III

“Der letzte hervorragende Myste der Mithrasreligion war der Kaiser Julian, dessen Versuch, der heidnischen Religion gegenüber dem Christentum wieder Geltung zu verschaffen, die Geschichte mit dem Beinamen des Abtrünnigen, Apostata, festgehalten hat. Von ihm wird erzählt, was er bei seiner Einweihung erlebte: unerklärliche Geräusche, widerliche Gerüche, Flammen, Geister und anderen Zauberspuk. Gewiß sind bei diesen Schilderungen die Übertreibungen christlicher Eiferer abzuschreiben, aber es darf als sicher gelten, daß durch solche Effekte in den Heiligtümern eine geheimnisvolle Atmosphäre geschaffen wurde. In dem Mithräum von Wiesbaden fand sich hinter der Nische des Kultbildes ein kleiner Raum, der nur von außen zugänglich war. Hier konnte ein Priester ungesehen von den Gläubigen hinter dem Kultbild Erscheinungen hervorrufen, die dem Gläubigen selbst unerklärlich blieben und ihn an übernatürliche Ursachen glauben ließen.” (Helmut Schoppa: Das Mithraeum 6f)

DIE LICHTERLOHE RÖTE des Tempels erinnerte mich an Photographien der jordanischen Felsenstadt Petra. Nach meiner Rückkehr verglich ich Bilder der Mithrasgrotte mit Aufnahmen von Petra – die Stimmung beider Stätten war so ähnlich, daß ich mich fragte, ob zwischen ihnen eine verborgene Beziehung existierte. Petra war Hauptstadt der römischen Provinz Arabia. Von einem Mithräum im heutigen Jordanien hatte ich aber in all den Büchern über die Mithras-Kultur nichts gefunden. Und doch gab es eine Verbindung: Bei Petra befindet sich die Stelle, an der, so heißt es, Moses mit seinem Stab Wasser aus dem Stein schlug, um sein Volk vor dem Verdursten zu bewahren. Eine ganz ähnliche Szene ist in der Mithras-Mythologie von großer Bedeutung - das Wasserwunder. Auf zahlreichen Kultwerken schießt der Bogenschütze Mithras einen Pfeil auf einen Felsen, und aus dem Stein entspringt eine Quelle. Manchmal aber zielt Mithras auch in die Wolken, um so Regen hervorzurufen. Offenbar besteht eine geheimnisvolle Verbindung zwischen Mithras und Moses. Es ist schwer zu sagen, welcher Mythos den anderen beeinflußte. Möglicherweise kamen Juden, die im sechsten vorchristlichen Jahrhundert in Babylon in Gefangenschaft waren, dort mit persischen Mythen in Berührung.

ICH BLIEB BIS Sonnenuntergang bei diesem Heiligtum. Langsam dunkelte das Gestein. Die Röte trat zurück, die Schatten nahmen zu. Die Blutleuchte zog sich ins Innere zurück, hinter die steinernen Kulissen, der Fels wurde schwarz. Langsam verlor ich die Sonne aus den Augen.

IV

STIRB UND WERDE. Dieses Wort von Johann Wolfgang von Goethe steht im Herzpunkt aller Mysterien des Altertums. Im Sinnbild des mithraischen Stieropfers ist der Tod in der Natur stets nur ein scheinbarer Tod, eine Wende, eine Wandlung, mehr Schlüssel als Schluß. Eben dieses Stirb und Werde erlebten die Anhänger mehrmals in ihrem Aufstieg durch die sieben Weihegrade der spirituellen Skala der Initiation des Mithraismus: Rabe, Occultus, Soldat, Löwe, Perser, Sonnenläufer, Vater.

DAS KRYPTISCHE STIEROPFER das Herzblutsinnbild der Mithras-Kultur. Auf fast allen Kultwerken läuft der Schwanz des Stiers in einem Ährenbüschel aus, er ist also zugleich Teil der Tier- wie der Pflanzenwelt. Auf einem großartigen Relief aus Rom, das sich heute im British Museum in London befindet, fließt auch aus der Seitenwunde, die Mithras dem Stier zufügt, kein Blut - aus ihr sprießen Ähren: Leben, reiche Ernte steigt aus dem Tod, das Stieropfer ist ein Akt der Schöpfung. Nirgends kommt der Einklang von Tod und Geburt, von Zerstörung und Schöpfung, von Untergang und Werdegang deutlicher zum Ausdruck als in dieser Stirb und Werde-Symbolik. Sie vereint auch mehrere scheinbar widersprüchliche Aspekte des Gottes Mithras – das Martialische und das Demetrische, das Solare und das Chthonische. In der spirituellen Philosophie der Mithras-Kultur sinnbildet die Tötung des Stiers auch den Triumph des Geistes über den Stoff.

“So eignet dem Stier eine doppelte Symbolik: des Todes und des Lebens. Als Stier der Fruchtbarkeit und des Lichtes ist er ein Zeichen der alles befruchtenden Sonne, als Unterweltstier vertritt er das Abgründige des verfinsterten, tödlich gewordenen Lichts. (…) Im Stiersymbol scheint darum das auf- und abschwellende Gesamtleben umschrieben zu sein, das immer wieder in die Todessphäre hinabsteigen muß, um fruchtbar zu bleiben - das helle und dunkle Leben, das ob seiner Unbeständigkeit und seines Wechsels eines schirmenden, lenkenden, die Kontinuität sichernden Herrn bedarf.” (Alfons Rosenberg: Michael und der Drache 120)

PORPHYRIOS, EIN GRIECHISCHER PHILOSOPH, war mit dem Mithras-Glauben sehr vertraut und schrieb fünfzehn Bücher Gegen die Christen. Er deutete den Stier astronomisch und astrologisch: “Der Stier ist Luna, und Luna erhält ihre größte Kraft, wenn sie im Zeichen des Stiers steht.” Und tatsächlich betrachteten auch andere Forscher die Begegnung des Mithras mit dem Stier als Begegnung von Sonne und Mond, da der Stier sehr häufig die Form eines Halbmondes hat und auch die Sonne über Mithras steht, der Mond aber über dem Stierhaupt. Michael P. Speidel wies in seiner Schrift Mithras-Orion auf die Identität des griechischen Wortes für Biene und Stier hin – während apis, das Wort für Biene mit einem langen a ausgesprochen wurde, war das a im Wort apis für den Stier kurz. Für Porphyrios waren die Bienen Seelen, die aus der Bauchhöhle toter Stiere zur Welt kamen. Möglicherweise verkörperte das Stieropfer für die Mithras-Anhänger die Erlösung ihrer eigenen Seelen aus dem Erdreich, der Erdgebundenheit:

“Daraus folgt (…) mit einer großen Wahrscheinlichkeit, daß Mithras durch das Stieropfer die Geburt der Seelen, vor allem der Seelen der Vollkommenen, initiierte.” (Michael P. Speidel: Mithras-Orion)

DIE VORSTELLUNG, DASS Bienen im Leib eines toten Tieres entstehen, findet sich auch im alttestamentarischen Buch der Richter: Simson tötet mit bloßen Händen einen Löwen und entdeckt in seinem Inneren Honig und Bienen. Er ißt von dem Honig. Simson bedeutet Sonnenmensch. Esoterisch ist der Löwe eines der wichtigsten Sinnbilder der Sonne – vielleicht aber verkörperte im Mithras-Kultur der Stier die Sonne und nicht den Mond? Auf allen Mithras-Monumenten, auf denen noch Farbspuren nachgewiesen werden konnten, war der Stier weiß. Weiß aber waren auch die dem Apoll geweihten Stiere und auch die Stiere auf der Helios-Insel Trinakris in der Odyssee. Auch der ägyptische Apis-Stier mit der Sonnenscheibe zwischen den Hörnern ist ein sonnenhaftes Wesen. Tötet Mithras die Sonne?

V

VIELE SETZEN MITHRAS und Sonne gleich. Diese Solarisation, die Verbindung mit Sol Invictus, geschah aber erst im Römichen Reich. Das persische Avesta betont ausdrücklich, daß Mithras weder Sonne noch Mond ist, allerdings gleicht seine Erscheinung – vier weiße Pferde ziehen seinen goldenen Streitwagen, in der Hand hält er eine Peitsche - bereits Helios. Viele Weihealtäre und Inschriften bezeichneten Mithras als Sol Invictus, aber in manchen Texten erschienen Mithras und Sonne auch als unterschiedliche Gottheiten. Auf einem Altar aus Chiusa di Verona in Norditalien steht: D(eo) I(nvicto) M(ithrae) et Soli Socio: Die Sonne begleitet Mithras. In einer Inschrift aus High Rochester in Großbritannien stand ursprünglich Invicto Mithrae et Soli Socio, das Wort et aber wurde später unkenntlich gemacht.

“Der Stier ist die Sonne, Taurus ist die Konstellation, durch die zur Zeit des Mithras-Kultes der Einfluß der Sonne auf die Menschheit übertragen wurde; daher war Mithras - wie Sirius - ein Sonnentöter. Churchward erklärt: ´Der erste himmlische Held war nicht die Sonne, sondern der Sieger über die Sonne und Sommerhitze. (…) In der Jahreszeit, in der die Sonne im Zeichen des Löwen die Hitze unerträglich machte, stieg Set als Hundestern, Sut Har (Orion) auf. Wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte und ihren Abstieg begann, wurde der Hundestern oder Orion als Sieger über den Verursacher dieser qualvollen Hitze verehrt. Der Löwe, wie aus seinem Standpunkt im Tierkreis ersichtlich ist, verkörperte die wilde Sommerhitze. Aus dem getöteten Löwen kommt der Honig.” (Kenneth Grant: The Magical Revival 71)

DIE SEITENSTREIFEN VIELER Kultbilder zeigen Szenen aus dem curriculum vitaevon Mithras: Die Steingeburt, der Pfeilschuß auf den Felsen oder in die Wolken, das Stieropfer. Mithras aber kämpft auch mit dem Sonnengott und verbrüdert sich anschließend mit ihm. War die Tötung des weißen Stiers ein weiteres Gleichnis seines Triumphs über die Sonne, um die zerstöerische Kraft der Sonne abzuschwächen, die in den heißen Monaten Erde und Ernte gefährdete. Sein Kampf und sein Pakt mit der Sonne sollte eine reiche Ernte sichern. Mithras wurde auch als Herr des Jahres bezeichnet – auf vielen Kunstwerken umgeben die Tierkreiszeichen in einem Kreis oder Halbkreis das Stieropfer. In manchen Mithräen fand man auch Altäre, die den vier Jahreszeiten geweiht waren. In The Mysteries of Mithra schrieb auch Franz Cumont über die nur scheinbare Identität von Mithras und Sonne:

“Diese zweifache Deutung wurde besonders auf die Sonne angewandt, die einmal als identisch mit Mithras, dann wieder als eine andere Gottheit aufgefaßt wurde. In Wirklichkeit gab es in den Mysterien zwei Sonnengottheiten.” (Franz Cumont: The Mysteries of Mithra 121)

“Mithras und Helios aber verhalten sich zueinander wie Vater und Sohn. Mithras ist der große Gott, Helios sein Logos, durch den er sich entfaltet, der die Welt schuf und zwischen den Menschen und Gott vermittelt.” (Hans Leisegang: Die Gnosis 250)

VI

IN DEN MITHRAS-MYSTERIEN waren den sieben Weihegraden sieben Planeten zugeordnet. Dem Raben Merkur, dem Occultus Venus, dem Soldaten Mars, dem Löwen Iupiter, dem Perser der Mond, dem Heliodromus die Sonne, dem Vater Saturn: In dieser Hierarchie steht Saturn über der Sonne. Auch Saturn ist ein Gott der Zeit, ein Gott der Ernte. Entspricht Mithras dem Saturn? In der Mithras-Liturgie, über die Albrecht Dieterich ein eigenes Buch schrieb, steht Mithras ebenfalls über Helios - die Sonne erscheint in diesem geheimnisvollen Ritual, dem einzigen erhaltenen der Mysterien des Altertums, nur als Mittler zwischen dem Eingeweihten und Mithras.

AUCH IN DER mittelalterlichen Kabbala, in der viele Vorstellungen der griechisch-römischen Glaubenswelt überlebten, steht Saturn über der Sonne. Aber die Reihenfolge der sieben Planeten, die genau der Chaldäischen Reihe des Altertums - Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Iupiter, Saturn - entspricht, steht in einem Widerspruch zur mithraischen Hierarchie. Gab es diesen Gegensatz in den Mysterien? Oder handelt es sich dabei um einen Irrtum oder eine bewuszte Fälschung von Eingeweihten oder Auszenstehenden? Diese Frage ist bis heute nicht gelöst. In mehreren Mithräen wurden auch Statuen des Aion gefunden, eines löwenköpfigen, von einer groszen Schlange mehrmals umwundenen Zeitgottes, der die Bedeutungen von Abraxas, Mithras, Saturn zu vereinen scheint. Die Beziehung von Aion zu Mithras ist unklar - manche Forscher haben Aion für die eigentliche Gottheit der Mithras-Kultur gehalten.

“Denn Abraxas bezeichnet ebenso wie Mithras den Gott, der die Macht der sieben Planeten in sich vereinigt, da sein Name aus sieben Buchstaben besteht.” (Hans Leisegang, Die Gnosis 251)

MANCHE GESCHICHTSSCHREIBER DER Antike, vor allem christliche Chronisten, machten sich darüber lustig, daß die Mysterien dieses “Sonnengottes” in dunklen Grotten, in natürlichen Höhlen und künstlichen Tempeln, gefeiert wurden – denn diese Stätten würden ja viel mehr dem Kult einer chthonischen Gottheit entsprechen. Die meisten Heiligtümer der Mithras-Kultur waren unterirdisch – so wie Mithras aus einem Stein zur Welt gekommen war, sollten auch die Eingeweihten aus dem Inneren einer petra genetrixneu zur Welt kommen. Im Altertum war man überzeugt, der Himmel, das Firmament, bestehe aus Stein, wohl aufgrund der vom Himmel fallenden Meteorite. Daher waren die Mithräen Gleichnisse des Alls, und ihr steinernes Gewölbe sinnbildete den Himmel. Die Solarisation im Imperium Romanum ließ den Geburtstag der Sonne zur Wintersonnenwende am 21. Dezember auch zum Geburtstag von Mithras werden: In der finstersten Nacht des Jahres kam er zur Welt, im Zeichen des Steinbocks, im Zeichen des Saturn: Die Sonne steigt aus dem schweren und schwarzen Reich Saturns - auch das ein weiterer Hinweis auf die Stellung des Saturn, den die Germanen Ahnstern - den Stern der Ahnen oder auch den Stern der Ahnung - nannten, über der Sonne.

21. Dezember 1994

Quellen

Clauss, Manfred: Mithras: Kult und Mysterien, München 1990

Cumont, Franz: The Mysteries of Mithra, New York 1956

Dieterich, Albrecht: Eine Mithras-Liturgie. Leipzig 1910

Graichen, Gisela: Das Kultplatzbuch, Hamburg 1988

Grant, Kenneth: The Magical Revival, New York 1972

Halsberghe, Gaston H.: The Cult of Sol Invictus, Leiden 1972

Jünger, Ernst: Feuer und Blut, Berlin 1929

Koepf, Hans: Mithras oder Christus. Sigmaringen 1987

Leisegang, Hans: Die Gnosis, Leipzig 1924

Mead, G. R. S.: The Mysteries of Mithra, London 1907

Merkelbach, Reinhold: Mithras, Weinheim 1994

Merkelbach, Reinhold: Weihegrade und Seelenlehre der Mithras-Mysterien, Opladen 1982

Pronay, Alexander von: Mithras und die geheimen Kulte der Römer, Freiburg 1989

Rosenberg, Alfons: Michael und der Drache, Freiburg 1956

Schindler, Reinhard: Die Mithrashöhle von Saarbrücken, Saarbrücken, 1989

Schoppa, Helmut, Das Mithraeum. Wiesbaden, 1959

Speidel, Michael P.: Mithras-Orion, Leiden 1980

Turcan, Robert: Mithras Platonicus, Leiden 1975

Vermaseren, Maarten J.; Mithras. Stuttgart 1965

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